Der Silverdale-Blog

Der Silverdale-Blog wird im Lauf der Zeit neuere und ältere kynologische Beiträge über unsere Rasse anbieten oder auf Veröffentlichungen dieser Art aufmerksam machen. Wir muten unseren Besuchern also das Lesen und die interaktive Diskussion zu und wollen auch insofern unserem Anspruch, „elitär“ zu sein, gerecht werden

Jagdverhalten bei Azawakh

Anmerkungen zum Jagdverhalten bei Azawakhs
Von Elisabeth Naumann und Dr.Werner Röder ©
Hunde sind ein besonderes Bindeglied zwischen Natur, Geschichte und Kultur. Wenn in unserer Gesellschaft ein harmonisches Zusammenleben von Hund und Mensch zustande kommt, kann es in vielfältiger Weise bereichern. Ein wichtiger Faktor des Wohlbefindens ist die Vereinbarkeit der vom Menschen geschaffenen Haltungsbedingungen mit art- oder rassespezifischen Instinkten, Verhaltensritualen und körperlichen Eigenschaften des Tiers. Dazu zählen  auch Betätigungsformen, die Windhunden als Ersatz für die historische Gebrauchsgemeinschaft mit dem Menschen geboten werden. Teil der noch geduldeten und durch Vereine organisierbaren Möglichkeiten ist die Verfolgung künstlicher Hetzobjekte auf ausgebauten Rennbahnen und, mit zunehmender Beliebtheit, das Coursing auf einigermaßen naturnahem Untergrund mit dem Bemühen, echte Jagdsituationen durch einige Erschwernisse und Spurvariationen nachzustellen. Um einzuschätzen, in welcher Beziehung diese Disziplin des „Hundesports“ zum Naturell des Sahelischen Nomadenwindhunds Azawakh  steht, müssen wir das vererbte Sozialverhalten der Rasse in den Blick nehmen.

Mensch und Hund bilden im „Verständnis“ des Tieres ein Rudel, ganz besonders bei noch ursprungsnahen Rassen.  Das Rudel ist ein sozialer Verband von mindestens zwei Individuen, die untereinander kommunizieren. Wir beschränken uns hier auf den optischen Kommunikationskanal (es gibt noch den akustischen, taktilen, olfaktorischen und gustatorischen Bereich), weil er  für einen  Coursingverlauf unter hiesigen Bedingungen entscheidend und für uns am ehesten wahrnehmbar ist. Körpersprache in Gestik, Mimik und Blickkontakten vermittelt Informationen über den emotionalen Zustand eines Hundes, über dessen Motivationen und Verhaltensbereitschaften, sie haben zudem Appellfunktion und sind dialogisch, vermögen also Beziehungen zu regulieren.


Die  Positur  eines sozial neutralen und umweltsicheren Azawakhs kann man wie folgt beschreiben: Der Kopf ist erhoben, die Gliedmaßen sind offen gewinkelt, die Ohrwurzeln nach vorn gerichtet, die Rute hängt bzw. ist leicht aufgerichtet,. 

Artgenossen gegenüber zeigt der Hund in der Regel ein ritualisiertes Imponiergehabe. Scharren zum Beispiel ist ein Ausdruck selbstbewusster Hunde.  Zum Imponierverhalten gehören das Aufreiten bei anderen Hunden und das Auflegen der Pfote auf dem Rücken des Gegenübers. Gleiches bedeutet es, wenn zwei sich steifbeinig umkreisende Hunde versuchen, sich parallel oder antiparallel – Kopf an Schwanz – dem anderen gegenüber zu positionieren. Imponierausdruck ist auch das Bestreben, sich seitlich vor den anderen Hund zu stellen. Man nennt das die T-Sequenz, weil beide Hunde dann ein T bilden. Der erfolgreich Imponierende formt dessen Querbalken. All dies soll eigene Stärke und Territorialanspruch demonstrieren.Komplementäre Reaktion kann passive Unterwerfung sein. Sie hat nicht Abgrenzung, sondern soziale Integration zum Ziel. Mitunter wird sie bei Annäherung ranghoher Tiere mit Abrollen auf den Rücken verdeutlicht und  hat so den stärksten Signalcharakter für das Akzeptieren der Handlungsfreiheit des überlegenen Tieres. Es gibt normalerweise keine „unterwürfigen“ Hunde, sondern solche, die anderen gegenüber zeigen, dass sie keinerlei Rangansprüche stellen. Aktive Unterwerfung, auch als >soziales Grüßen< bezeichnet, ist eine Ausdrucksweise zur Verminderung sozialer Distanz, ein Verhalten, das die freundliche Akzeptanz im Rudel sichern soll. Hunde zeigen aktiven Unterwerfung als sehr freudigen, stark spielerisch anmutenden Auftritt, der u.a. durch Anspringen oder Lecken der Schnauze (bzw. der Hand ) des Begrüßten, also des ranghohen Individuums, gekennzeichnet ist.  Nicht selten ist zu beobachten, dass Hunde die einander sehr zugetan sind, sich über das jeweils liegende Tier stellen. Dabei wird manchmal soziale Fellpflege (Grooming) ausgeführt - ein Knabbern mit den Schneidezähnen oder ein Lecken besonders im Kopfbereich. Dies ist Ausdruck der Zusammengehörigkeit, alle Signale des Imponierens fehlen hier, wenngleich dem darüberstehenden eine größere Verhaltensfreiheit als dem liegenden Hund zuzumessen ist. 
Bei der oben beschriebenen optischen Kommunikation sind in Bezug auf hiesige Coursings die Dominanzsignale von unmittelbarer Bedeutung. Soweit die zur Konkurrenz ausgewählten beiden Azawakhs sich nicht schon länger bzw. „familiär“ kennen, werden sie spätestens beim Startantritt aus Gesamterscheinung und Auftreten des Gegenübers  dessen Rangwertigkeit „lesen“ und mit dem eigenen  Laufverhalten  darauf reagieren.   
Gangwerk, Verhalten und Körpersprache der Azawakhs im Sahel haben sich über lange Zeiträume hinweg den dortigen Gegebenheiten und Erfordernissen funktional angepasst. Die Hunde sind, bedingt durch die ökologischen Faktoren der Savanne, Langstreckenläufer. Typisch ist, durchaus auch während des Laufs, der erhobene und zur Seite gedrehte Kopf bei der Erkundung des Umfelds. 
Bei einem Jagdteam wird Arbeitsteilung praktiziert, die im Folgenden idealtypisch dargestellt ist:   Die sich als „Treiber“ positionierenden Hunde – dies kann auch ein einzelnes Exemplar sein - drücken die Beute in Richtung des Rudelanführers, indem sie nicht in direkter Linie das Objekt verfolgen, sondern einen konvexen Bogen einhalten. Zwischen diesen Hunden besteht ein relativ weiter seitlicher Abstand, sie laufen in der Regel auch nicht auf gleicher Höhe, sondern parallel versetzt. Die Grundschnelligkeit der ganzen Gruppe ist ausdauernd hoch, wird aber den jeweiligen Gegebenheiten unter Beibehaltung einer ausreichenden Wendigkeit angepasst, um den Richtungswechseln der Beute zu folgen und den vielen natürlichen Hindernissen des Terrains auszuweichen. 
Das Fangverhalten gegenüber einem großen Beutetier ist gekennzeichnet durch Bisse in die Hinterläufe von der Seite aus oder durch das Reißen der Kehle von unten her. Im Team greift der direkt verfolgende Hund auf die Beute zu, die anderen decken  ihn mit der Breitseite ab, "sichern" die Umgebung und warten auf einen seitens des Stärksten bzw. des Menschen erlaubten eigenen Zugriffs auf das gemeinsame Wildbret.  Bei wehrhaftem Jagdwild, etwa dem Wildschwein, vermeidet der Azawakh selbstgefährdende Angriffsweisen und setzt eher auf das Stellen oder Ermüden der Beute und das Eingreifen des mit dem Speer ausgerüsteten Besitzers. 



Die zur Jagd notwendige "Aggression", hier in Anlehnung an Pschyrembels "Klinischem Wörterbuch" als Bereitschaft zur Durchsetzung von Instinkten und angelernten Verhalten verstanden, ist ein Merkmal, das beim Azawakh recht fest verankert ist. Er zeigt territorial ausgerichtete Aggression und als Jagdhund Beute- und Verteidigungsaggression. Im Ursprungsland vererben sich in der Regel die ranghöchsten Rüden unter Bevorzugung dominanter Hündinnen. Zumal als Bestandteil des Fortpflanzungstriebs wird die Rangordnung auf aggressive Weise ausgehandelt.  Die Ranghöhe bemisst sich am Grad der Durchsetzung solcher "Aggression" im Rahmen der Sozialbeziehungen zu den Artgenossen.

Das Imponierverhalten, die Demonstration der sozialen Potenz und Ranghöhe, muss nicht ohne weiteres durch den Gegenpart hingenommen werden. Es wird mitunter durch Drohen beantwortet. Beim Drohverhalten muss zwischen Angriffs- und Abwehrdrohen unterschieden werden. Nicht selten überlagern sich beide Ausdrucksweisen und sind dann schwer trennbar. Auf offensives Drohen kann defensives Drohen als Antwort erfolgen, Angriffsdrohen kann auch in Abwehr übergehen, wenn der Rivale sich weiter nähert. Aus dem Defensivdrohen heraus kann es zu einem Kampf kommen, dem defensiven Hund stehen  aber auch weiträumiges Ausweichen oder der Wechsel  zu Demutsverhalten offen. 
Der Azawakh wird in seiner Heimat im wesentlichen als Bewacher der Herden und Lager sowie, in zweiter Linie, als Hetzhund bei der Savannenjagd eingesetzt. Bei einer Jagd in Rudelformatiom werden die rassespezifischen Dominanz- und Territorialansprüche in besonderer Weise wirksam, da hier der Verfolgungstrieb mit dem Motiv der möglichen Nahrungsbeschaffung und der Bestätigung oder eventuellen Erweiterung der hierarchischen Position zusammentreffen. Letztere ist nicht nur Überlebensfaktor an sich, sondern instinktmäßig auch Qualifikation für die Teilnahme am natürlichen Arterhaltungsprozess, der durch die  spontane Fortpflanzung zwischen den stärksten Rüden und Hündinnen in der jeweiligen Azawakhpopulation verwirklicht wird.  

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Beim gemeinsamen Verfolgen zeigen sich also die Rangpositionen im Rudel. Der rangniedrigere, in der Regel der jüngere und schnellere Hund, treibt das Jagdobjekt dem "Alpha-Tier“ zu. In etwa gleichrangige Treiber innerhalb einer vertrauten Gruppe werden dabei versuchen, den anderen im Lauf zu überholen und – wenn sich ein engeres Nebeneinander ergibt - gegebenenfalls durch Drohen die eigene Vorteilsposition zu halten. Treffen mehrere fremde Azawakhs mit ungeklärter Rangstellung und gleicher Laufleistung aufeinander, kommt es spätestens an der Beute zu ernsthaftem Kräftemessen, bis der Schwächere früher oder später die Flucht ergreift. Körperliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Jagd über lange Strecken in schwierigem Gelände sind stabile Gelenke, breite Brust und großes Lungenvolumen, gut entwickelte Muskulatur und kompaktes, nicht zu großrahmiges Format mit anatomisch funktionaler Winkelung der Gliedmaßen im Verhältnis zu Schulter und Kruppe.
Zusammenfassend: Der Azawakh observiert bei seiner oft kilometerlangen Verfolgungsjagd das Umfeld. Er passt seine Geschwindigkeit den jeweiligen "strategischen" und territorialen Gegebenheiten an und geht nur in entscheidenden Situationen an seine Leistungsgrenze. Das Jagdverhalten im Rudel ist gemäß der herrschenden Rangordnung ritualisiert. Die Jagdmeute akzeptiert das Führungs- und Zugriffsrecht des "Alpha-Tieres“. Kommt es zwischen zwei gleich selbstbewussten Hunden aus unterschiedlichen Rudeln zur Konkurrenz um die Führungsposition, sind Drohverhalten und Körpereinsatz die Folge dieser Regelverletzung. 

Die hier für das UW-Themenheft vorgetragenen persönlichen Beobachtungen und Interpretationen der Sozialbeziehungen und des Jagdverhaltens von Azawakhs in den afrikanischen Herkunftsländern legen schon auf den ersten Blick nahe, dass die Eingliederung von Rassevertretern in das sich entwickelnde europäische Coursingwesen nicht in aller Einfachheit vollziehbar ist. Für sämtliche Rassen gelten die im wesentlichen  gleichen von DWZRV, VDH oder FCI bis ins Detail entwickelten Regelwerke. Dass dabei die autochthonen Verhaltensmuster einzelner Rassen untergehen können, hat Peter H. Sander am Beispiel der Barsois beschrieben. Neben der Beschränkung auf zwei Hunde pro Coursinglauf und dem oft sehr simplen Charakter der Geläufe sind vor allem die eher an Grünen Tischen ausgearbeiteten Verhaltenskategorien  und Leistungseinschätzungen bei der Vergabe von  Bewertungspunkten ein größeres Problem, weil sie typische Lauf- und Jagdtechniken originärer Azawakhs nur an pauschalisierten  Eigenheiten gewohnter Mehrheitsrassen messen können und dadurch mitunter zu Abwertungen azawakhsspezifischer Coursingpräsentation gelangen.  Auf mehr rassenbezogene Differenzierung des Richterwesens und -wissens wäre für die Zukunft zu hoffen.  Dies ist freilich nur für jene kleiner werdende Gruppe von Windhundliebhabern und kynologisch Interessierten ein Thema, die sich über eine relative Erhaltung der ursprünglichen Natur des canis familiaris als Gebrauchshund freuen.

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