Der Silverdale-Blog

Der Silverdale-Blog wird im Lauf der Zeit neuere und ältere kynologische Beiträge über unsere Rasse anbieten oder auf Veröffentlichungen dieser Art aufmerksam machen. Wir muten unseren Besuchern also das Lesen und die interaktive Diskussion zu und wollen auch insofern unserem Anspruch, „elitär“ zu sein, gerecht werden

Azawakhzucht in Europa 2012

Elisabeth Naumann und Dr.Werner Röder: „Azawakhzucht in Europa“

Unter diesem Titel ist im Vorjahr der „Versuch einer aktuellen Bilanz“ auf zahlreichen Internetseiten und in der Fachzeitschrift HUNDE WELT. BREEDER SPECIAL Nr.2/2012 erschienen. Die englischsprachige Version „Breeding Azawakhs in Europe: A Contemporary Assessment“ ist u.a. bei azawakh-of-silverdale.blogspot.de nachzulesen. Gegenstand der Studie waren sämtliche damals erfassbaren Würfe der Jahre 2010 und 2011. Elisabeth Naumann legt im Folgenden ihr Untersuchungsergebnis für die Zuchtperiode 2012 im Vergleich mit den vorangegangenen Statistiken vor. Methodik, Erkenntnisinteresse, Relevanz und populationsgenetische Interpretation sind in der Erstveröffentlichung ausführlich dargestellt. Es geht hierbei, kurz gesagt, um die erbgesetzlichen Langzeitperspektiven des europäischen Zuchtbestands. Dessen kritische Prüfung ist bei einer minoritären Rassepopulation mit sehr kleinen Gründergruppen und der sich daraus ergebenden In-, Eng- und Linienzucht unerlässlich. Dies gilt insbesondere mit Blick auf die wissenschaftlich gestützte Vorgabe, nach der für die gesunde Fortpflanzung einer Rasse ein Mindestanteil von etwa zweihundert untereinander nicht verwandten Exemplaren innerhalb der Gesamtpopulation Voraussetzung ist.  Wir folgten des weiteren der in der kynologischen Literatur und in den Zuchtregularien einzelner FCI-Verbänden enthaltenen Richtzahlen, die Exemplaren mit einem Inzuchtkoeffizienten (IK) über 10 oder einem Ahnenverlustkoeffizienten (AVK) unter 75 die Zuchttauglichkeit absprechen.
Zum Verständnis der Ergebnisse für 2012 ist die Beschäftigung mit dem Text der vorjährigen Publikation unerlässlich. Hier werden lediglich die Ergebnisse der Untersuchungen für 2010, 2011 und 2012 wiedergegeben und nochmals zur Diskussion gestellt.



Für 28 europäische Würfe des Jahres 2010 waren im Nachhinein die Abstammungsdaten zu ermitteln. Es gibt  - wie vermutlich auch 2011 – einige „entlegene“ Würfe, die mit den uns zugänglichen Quellen nicht dokumentierbar waren. Auf das Ergebnis dürften sie ohne substanziellen Einfluss sein.




Die in der Untersuchung für 2011 erfassten 24 europäischen AZ-Würfe weisen die folgenden kompletten Inzuchtkoeffizienten (IK)  und die Ahnenverlustkoeffizienten (AVK) auf, letztere unter Berücksichtigung von fünf Generationen.  



Die für 2012 zugrunde gelegten problematischen Zuchtwertgrenzen folgen den aktuellen Richtzahlen von IK = 6,25 (nach Wachtel, Rassehund wohin? 2012) und AVK =  80 ( nach Dr. Helga Eichelberg, Wiss. Beirat VDH, Vors. GKF, 2012)




Die Zuwächse in der europäischen Azawakh-Population  durch die Würfe 2010 bis 2012 zeigen die fortschreitende Verarmung der Erbressourcen in Richtung eines neuen genetischen „Flaschenhalses“.      










Des weiteren hatten wir die Würfe der Jahre 2010 und 2011 über die  IK- und AVK- Indikatoren hinaus in Bezug auf ihre genetische Bindung an zwei „Gründerväter“ der europäischen Rassepopulation in den Blick genommen. Beherrschend sind die Vererber  Gefell de Garde-Epee (1990) und Firhoun Kel Tarbanassen (1991). Sie wurden zunächst aufgrund der geringen Deckrüden-Verfügbarkeit und sodann angesichts ihrer erfolgreichen Konformation als „Popular Sires“ eingesetzt. Hier noch einmal deren Präsenz in den Ahnentafeln beider Eltern  der Würfe von 2011 und zum Vergleich der nachfolgende Befund: von 2012:


Das ein- oder zweimalige, einzelne oder gemeinsame Auftauchen der beiden Vererber  in den Abstammungstafeln ist angesichts der Gründungsgeschichte des europäischen Gesamtbestands normal. Der hohe aktuelle Anteil sowie  erheblichen Steigerungen in Einzelfällen korrespondieren mit der fortschreitenden Verengung des Gen-Pools auch durch die Zuchtwahlen für die Würfe von 2012. Ebenso wie ihre letztjährigen Vorgänger dürften sie bei ihrem Zuchteinsatz europaweit kaum noch Vermehrungspartner finden, die nicht ähnliche und  z.T. sehr kompakte Firhoun/Gefell – Abstammungen aufweisen. Die Paarungsresultate werden dann die hier aufgezeigten Abstammungsverengungen potenzieren und damit zur kontinuierlichen Veränderung  von heute noch grenzwertigen IK- und AVK-Zählerm in Richtung auf zuchtpolitisch nicht mehr vertretbare Indikatoren führen. Die Azawakhzucht bewegt sich beschleunigt auf jenen „genetischen Flaschenhals“ zu, der von Elisabeth Naumann  für die Jahre 1975 bis 2000 aufgezeigt worden ist. (Siehe: Genetische Verarmung beim Azawakh?, veröffentlicht u.a. in www.arbeitskreis-azawakh.com). Das damalige Mittel der Wahl, also die Verbesserung der genetischen Variationsbreite durch fortlaufende COO-Importe, ist aufgrund der politischen Ereignisse im Sahel  und als Folge des EU-Einfuhrdiktats gegenwärtig nicht ausreichend verfügbar.

Ziel unserer Studie „Azawakhzucht in Europa“ war auch die Einschätzung von Möglichkeiten des Artenschutzes.  Azawakhs gehören zu den wenigen  Gebrauchshunden, die noch unter ursprünglichen Bedingungen in ihren Entstehungsisolaten auffindbar sind. Von kynologischer und ethologischer Seite stellt sich die Frage, auf welche Weise solche historischen Rassen des canis familiaris längerfristig am Leben erhalten werden können: Etwa in staatlich subventionierten Schutzgebieten unter musealer Aufrechterhaltung der alten Mensch-Hund-Beziehungen, durch Schaffung von zoologischen Zentren mit den Umweltbedingungen der ehemaligen Habitate, über die gesellschaftliche Wiederbelebung von Haltungs- und Verwendungsbrauchtum – wie etwa in der arabischen Welt -  oder durch die Propagierung als Nationalrassen zur Förderung kultureller  Identität. Schließlich war es auch denkbar, Vertreter bedrohter Bestände in Zivilisationen mit etablierten Zuchtsystemen zu verpflanzen, um die Rasse in das dortige „Hundewesen“  ohne extreme Veränderungen bei Phänotyp und Verhaltensweisen  zu integrieren. 

Werner Röder, der Mitverfasser dieser Studie, hat im  JOURNAL Nr. 31 der International Society for Preservation of Aboriginal Primitive Dogs den  entsprechenden Versuch mit der Rasse Azawakh als ergebnisoffen dargestellt. Bis zur Mitte des vergangenen Jahrzehnts gaben einige Beobachtungen tatsächlich Anlass zu vorsichtigem Optimismus: Der in den 1990er Jahren einsetzende Zugang von (allerdings überwiegend weiblichen) Azawakhwelpen aus dem Sahel führte in Europa, den USA und Lateinamerika zu einer Verbesserung des Gen-Pools. Die Auswirkungen auf den Rassebestand insgesamt waren durchaus bemerkbar. Dies betraf zum einen Vitalität, Sozialverhalten und Leistung (vgl. u.a. Elisabeth Naumann, Wie sähe das Deutsche Windhundzuchtbuch Band XLII (2006/2007) aus, wenn es keine Azawakh-Importe gäbe? In: www.arbeitskreis-azawakh.com, 2010). Zu beobachten war die damals erreichte genetische Diversifizierung auch im Bereich des Ausstellungsbetriebs (vgl. Werner Röder, Wie steht’s um die Rasse Azawakh? Beobachtungen und Überlegungen anlässlich der Jahresausstellung 2010. In: Azawakh Jahresjournal 2010, hrsg. von Gudrun Büxe jun. und Dennis Pomrehn, 2011). Der gegenwärtige Status und die weiteren Perspektiven der Azawakhzucht in Europa veranlassen den Autor zu einem eher skeptischen Urteil. Die Gründe sind hier kurz benannt:

Der Aufbau eines überlebensfähigen Bestands aus einer kleinen Gründungsgruppe heraus bedarf der Zusammenarbeit  kynologisch motivierter Züchter, die über den Zugang zu gleichermaßen interessiertem Abnehmern ihrer künftigen Würfe verfügen. In einem solchen Verbund können Zuchtstrategien angestrebt werden, die eine Erweiterung der genetischen Bandbreite im Gesamtbestand zum Ziel haben und  die auf rein zahlenmäßige Vermehrung durch Würfe ohne erbgutmäßige Verbesserungen verzichten. Es versteht sich von selbst, dass derartige Bemühungen am ehesten zu einem Erfolg führen können, wenn sie über längere Zeit am Rand des organisierten „Hundewesens“ und abseits der populären Hundehaltung verfolgt werden.  
                                                                                                                                                                                                                                       Schneller als erwartet sind Azawakhs zu Objekten einer Popularisierung im Rahmen des allgemeinen Hunde-Hobbys geworden. Eine wesentliche Rolle spielen hierbei ästhetische Erscheinung und beeindruckende Verhaltensmuster mit starker Bindungs- und Kommunikationsfähigkeiten gegenüber dem Menschen. Ihre Darstellung in Liebhaber-Netzwerken, u.a. bei Facebook, förderte die Bestandsvermehrung und erleichtert den Welpenvertrieb. Züchter haben auf diesen sich öffnenden Markt durch zum Teil serielle Welpenproduktionen reagiert, bei denen ein populationsgenetischer Fortschritt nicht mehr im Vordergrund steht und die in erster Linie zur Deckung der Publikumsnachfrage dienen. Eine nachhaltige Erweiterung des Gen-Pools ist damit in Frage gestellt, weil über kurz oder lang der noch geringen Zahl von Exemplaren mit günstiger IK- und AVK- Ausstattung eine beherrschende Mehrheit von Zuchttieren gegenüber stehen wird, die von Eltern mit bereits erheblich eingeschränkten und in den Folgegenerationen sich zunehmend verengenden Erbressourcen abstammen. Ihre Nachzuchten  werden  sich allein schon aufgrund dieser ungleichen Mengenverhältnisse nicht in der genetischen Verbesserung der Rasse niederschlagen, sondern vom einfachen Interesse der Mehrheit am „Spaß“ mit diesen Tieren und an erhofften Erfolgen bei Ausstellungs- und Titelwettbewerben bestimmt sein.            

Last but not least: Vertreter der populationsgenetischen Sanierung durch COO-Importe können auf  die Rassezuchtvereine in der FCI. nicht verzichten, zum Beispiel in Bezug auf Zuchtbuchdokumentation, Ankörungen und Lizenzen für die Inanspruchnahme verbandlicher Infrastrukturen. Kynologisches Engagement fanden und finden sie dort kaum vor, mitunter jedoch erhebliche Widerstände seitens der jeweiligen Vorstandschaften und ihrer Richtergilde. Deutlich wurden Bestrebungen zur Schließung  der Zuchtbücher zugunsten bereits etablierter „Linien“, fundamentalistische Anwendungen eines überholten Standards mit seinem faktisch widerlegten Farben- und Zeichnungskatechismus oder Versuche zur bürokratischen Obstruktion von Importverfahren. Hinzu kommen  Verhinderungsstrategien wie das Importverpaarungsverbot des DWZRV und das von der französischen SLAG ausgeübte Regime der Zuchtzulassung.

Es scheint sich auch bei den Azawakhs zu bewahrheiten, dass sie dem historischen Weg der übrigen FCI-Rassen nicht entkommen können, sobald sie Teil eines Gesellschaftsspiels geworden sind, bei dem es zum Gutteil  um eine angemaßte Neuerschaffung der Species Hund, um menschliche Erfolgsbedürfnisse und Gewinnerwartungen geht. Die kynologische Prognose läuft auf eine homozygote Rasseversion hinaus, die einen in Europa  züchterisch veränderten Phänotypus aufweist, die morphologischen und verhaltensmäßigen Eigenheiten des Gebrauchshunds verliert und die durch ihre hermetische Zucht latente Defektmöglichkeiten zu manifesten Erbkrankheiten zusammenführen wird.

Dieser Gang der Dinge ist nicht mehr umkehrbar, sondern bestenfalls da und dort durch Hinweise auf seine erbkundlichen Folgen zu verzögern oder in aktuellen Auswirkungen fallweise zu mildern. Daneben wird es bei den individuellen Bemühungen von Züchtern bleiben, die eine Erhaltung der originären Phänotypie, der Leistungsstärke und der Verhaltensvorzüge des Sahel-Windhunds Azawakh als Wert ansehen. Ob, wann und in  welchen Rahmen derart personenabhängige genetische „Inselbestände“ zu einer künftigen Rekonstruktion der Rasse beitragen können, ist nunmehr die offene Frage. Im übrigen aber deutet alles darauf hin, dass Versuche eines ersatzweisen Aufbaus überlebensfähiger Bestände ursprünglicher Hunderassen an der Organisationsstruktur des europäischen „Hundewesens“ und an der Mentalität seiner traditionellen Gefolgschaft scheitern werden.

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